Eine Fahrt auf der reaktivierten Bahnstrecke zwischen Nordschwarzwald, moderner Akkutechnik und alten Konflikten.
Hermann-Hesse-Bahn: Die Rückkehr einer fast vergessenen Strecke
Nach mehr als 40 Jahren fährt wieder ein Personenzug zwischen Calw und Weil der Stadt. Seit dem 1. Februar 2026 ist die Hermann-Hesse-Bahn offiziell in Betrieb – zumindest teilweise. Denn auch zur Eröffnung bleibt das Projekt von Einschränkungen, Diskussionen und technischen Kompromissen begleitet.
Am Pfingstwochenende habe ich die Strecke selbst ausprobiert. Schon am Bahnhof war spürbar: Die Bahn wird angenommen. Familien, Radfahrer und Ausflügler warteten auf den Zug, viele Kinder standen gespannt an den Fenstern, sobald die Fahrt durch die Tunnel des Nordschwarzwalds begann.
Dabei war die Reaktivierung der früheren Württembergischen Schwarzwaldbahn lange alles andere als selbstverständlich.
Eine Strecke mit Geschichte
Die Bahnlinie gehört zu den traditionsreichsten Strecken der Region. Der Schriftsteller Hermann Hesse, geboren 1877 in Calw, beschrieb die Strecke bereits in seiner Erzählung „Unterm Rad“. Dort windet sich der Zug „schön behaglich“ durch den Schwarzwald, mit weiten Blicken ins Nagoldtal.
1983 wurde der Personenverkehr eingestellt. Jahrzehntelang lagen die Gleise praktisch im Dornröschenschlaf. Dass heute wieder Züge fahren, ist das Ergebnis jahrelanger politischer Debatten, Planungsverfahren und technischer Umbauten.
Der lange Streit um Fledermäuse und Naturschutz
Besonders der Naturschutz sorgte immer wieder für Verzögerungen. Vor allem der Fledermausschutz in mehreren Tunneln entwickelte sich zu einem Dauerthema. Noch heute wirkt sich das auf den Betrieb aus.
Eigentlich sollte die Hermann-Hesse-Bahn bereits im Halbstundentakt fahren. Derzeit ist jedoch nur ein Stundentakt möglich. Grund sind Auflagen der Höheren Naturschutzbehörde. In Tunnelbereichen gilt eine Langsamfahrstelle zum Schutz der Fledermäuse.
Die Folge: Die geplanten Fahrzeiten lassen sich aktuell nicht einhalten. Zwar wird teilweise mit Schienenersatzverkehr ergänzt, der ursprünglich vorgesehene dichtere Takt bleibt aber vorerst Zukunftsmusik. Erst wenn die Langsamfahrstellen aufgehoben werden, könnte der angekündigte Halbstundentakt Realität werden.
Moderne Akkuzüge statt Diesel
Technisch setzt die Strecke auf moderne Batteriezüge. Zum Einsatz kommen Siemens Mireo Plus B-Triebwagen der SWEG. Die Züge fahren elektrisch, können ihre Batterien aber auch auf nicht elektrifizierten Streckenabschnitten nutzen.
Damit wurde eine der zentralen Fragen des Projekts entschieden: Diesel, Wasserstoff oder Batterie? Am Ende fiel die Wahl auf Akku-Technik. Die Züge laden ihre Batterien unter Oberleitung sowie durch Bremsenergie auf und erreichen laut Hersteller Reichweiten von bis zu 120 Kilometern im Batteriebetrieb.
Im Alltag wirkt die Technik tatsächlich überzeugend. Die Züge fahren leise, beschleunigen kräftig und bieten modernen Komfort mit WLAN, Steckdosen und Klimaanlage.
Anschluss nach Renningen – aber noch nicht ganz
Für viele Pendler besonders wichtig. Die Anbindung an den Verkehrs- und Tarifverbund Stuttgart (VVS). Seit Februar gilt auf der Hermann-Hesse-Bahn der VVS-Tarif. Wer Richtung Stuttgart fährt, braucht damit nur noch ein Ticket und spart teilweise deutlich beim Fahrpreis.
In Weil der Stadt besteht Anschluss an die S6 Richtung Leonberg und Stuttgart. Allerdings bleibt auch hier nicht alles reibungslos. Während meiner Fahrt war die S-Bahn-Strecke Richtung Leonberg wegen Bauarbeiten gesperrt, heist Ersatzbusse.
Noch spannender wird die Frage, wie die Strecke künftig Richtung Renningen eingebunden wird. Genau dort zeigt sich eines der weiteren Probleme. Die Kapazität der bestehenden S-Bahn-Infrastruktur.
Die Hermann-Hesse-Bahn soll perspektivisch bis Renningen fahren. Gleichzeitig beanspruchen jedoch S-Bahn und geplante Express-S-Bahn Vorrang auf der Strecke. Kritiker sprechen auch von „veralteter Technik“ und fehlenden Kapazitäten.
Zwischen Erfolg und Baustelle
Trotz aller Schwierigkeiten wird auf der Strecke deutlich. Die Hermann-Hesse-Bahn ist für die Region weit mehr als ein Verkehrsprojekt.
Die Bahn bringt den Landkreis Calw wieder näher an Stuttgart heran. Für Pendler bedeutet das eine echte Alternative zum Auto, für den Tourismus eine neue Verbindung in den Nordschwarzwald.
Und trotzdem bleibt der Eindruck eines Projekts, das auch nach der Eröffnung noch nicht vollständig angekommen ist. Langsamfahrstellen, Ersatzbusse, weitere Diskussionen um Naturschutz und offene Fragen beim weiteren Ausbau. Die Geschichte der Hermann-Hesse-Bahn ist noch lange nicht zu Ende erzählt.
Aber nach über vier Jahrzehnten fahren wieder Züge durch die Tunnel zwischen Calw und Weil der Stadt. Allein das galt lange Zeit als kaum noch vorstellbar.
Text & Fotos: Helmut Werner
Moderne Mobilität – inklusive Parkhaus
Zur neuen Hermann-Hesse-Bahn gehört auch die Infrastruktur daneben. In Heumaden entstand ein großes Park-&-Ride-Parkhaus, das den Umstieg vom Auto auf die Bahn erleichtern soll. Bezahlt wird digital per App oder klassisch am Automaten. Ein kleiner Hinweis aus der Praxis: QR-Codes vor dem Scannen besser kurz prüfen – manipulierte Aufkleber sind leider schon vorgekommen.
Auch die App Easypark funktioniert ebenfalls.
























